19.04.2024

„Wir sind froh, dass wir spielen können, aber auch genervt“

Der Corona-Test entscheidet, wer spielen darf. Auch im zweiten Jahr der Pandemie ist der Sport weit von der Normalität entfernt - was bei vielen Funktionären für Frust sorgt. Foto: Imago

Spaß am Spiel, Frust über Spielausfälle, Freude über neue Jugendliche – Corona hat den Sport weiter im Griff und sorgt bei Vereinen für Emotionen aller Art, wie eine Umfrage zeigt.

SÜDHESSEN – Südhessen. Der Spielbetrieb läuft, in manchen Ligen und Sportarten flüssig, in anderen eher leidlich. Corona und seine Folgen lassen auch nach zwei Jahren keine Normalität wie vor der Pandemie zu. Aber was überwiegt: Spaß und Freude daran, überhaupt Sport in Wettkampf betreiben zu können – oder Frust und Verbitterung über ständige Ausfälle von Spielen und Spielern, die für schwierige Planbarkeit, ja vielleicht sogar Wettbewerbsverzerrung sorgen? Eine stichprobenartige Umfrage unter südhessischen Verantwortlichen in Mannschaftssportarten zeichnet ein Stimmungsbild.

Klaus-Peter Behre, Teammanager des Handball-Landesligisten TV Büttelborn: Im Rückblick auf den bisherigen Saisonverlauf überwiegen die negativen Aspekte. Aus sportlicher Sicht lagen die Schwierigkeiten darin, dass eine normale Spielvorbereitung kaum möglich war. Spieler waren in Quarantäne oder haben sich vorsorglich nicht am Mannschaftstraining beteiligt. Den Spannungsbogen aufrecht zu halten, war so gut wie nicht möglich. Die Ungewissheit, ob am Wochenende das Spiel tatsächlich stattfindet, war ja immer gegenwärtig. Wie sollte sich hier ein normaler Spiel-/Trainings-Rhythmus einstellen? Was sich auch in so manchen Spielergebnissen widerspiegelte, nicht nur in unserem Team. Insgesamt ist das aktuelle Leistungsniveau unserer Gruppe nicht zu vergleichen mit dem vor Corona.

Aus organisatorischer Sicht stellten die Spielverlegungen Herausforderungen dar. Noch freie Spieltage und passende Hallenzeiten am Wochenende zu finden, war schwierig, fast unmöglich. Im Nachgang ist man immer schlauer, jedoch bin ich der Meinung, dass es Anfang des Jahres besser gewesen wäre, die Saison zu unterbrechen. Die Zeichen zur weiteren Pandemie-Entwicklung standen zu diesem Zeitpunkt ja bereits auf „Sturm“. In der Hoffnung, dass die Inzidenz in den nächsten Wochen wieder zurückgeht, sehe ich den restlichen Spieltagen entspannter entgegen.

Sabrina Schäfer, Abteilungsleiterin Basketball des TV Groß-Gerau: Die Trainerinnen der einzelnen Mannschaffen und ich sind derzeit im „Spielverlegungs-Wahn“. Dies bedarf einer guten Organisation und vieler Absprachen innerhalb der Abteilung, mit den gegnerischen Teams und der Staffelleitung. Bislang bekommen wir noch alles unter, aber es ist mühsam und es kommt nun auch zu Spielabenden unter der Woche. Wir sind aber sehr froh, dass wir überhaupt trainieren und auch vereinzelte Spiele spielen können. Denn so kommt doch der Alltag nach und nach zurück und die Spieler können sich gut weiterentwickeln.

Aber die letzten Monate haben auch viel Positives hervorgebracht. In der Jugend haben wir jede Menge Nachwuchs bekommen, viele Kinder und Jugendliche haben wieder den Weg in unsere Halle gefunden und jagen begeistert dem Ball hinterher. Insofern kümmert man sich dann doch auch gerne um die Spielverlegungen. Da die Spielabsagen mitunter erst zwei Tage vor dem Spiel eintreffen, ist man auch enttäuscht, wenn das geplante Spiel dann doch nicht stattfinden kann – aber natürlich geht die Gesundheit vor.

Timo Grommes, Vorsitzender von Concordia Gernsheim, Letzter in der Fußball-Kreisoberliga Darmstadt/Groß-Gerau und von Personalsorgen geplagt: Wir sind froh, dass gespielt wird. Ein Abbruch würde dem Fußball mehr schaden. Daher ist es wichtig, dass es weitergeht. Im vergangenen November hatte ich mal gezweifelt, ob das Sinn macht. Da hatte ich Bedenken. Wir hatten stellenweise nur sieben Mann im Training. Aber das Schlimmste war die Zeit, in der wir nicht spielen konnten. Durch den fehlenden Spielbetrieb haben Spaß und Gemeinschaftssinn gelitten, das gesamte Vereinsleben. Es war schwierig, Spieler bei Laune zu halten. Besonders den Nachwuchs.

Die aktuelle Personallage ist eher eine Langzeitfolge. Natürlich spielt Corona da mit rein und wirkt sich aus. Wir haben viele Muskelverletzungen. Zwar haben wir vieles versucht, um die Jungs fit und motiviert zu halten. Aber im On/Off-Betrieb ist das sehr sehr schwierig.

Martin Guthier, Trainer des Frauenhandball-Bezirksoberligisten HSG Fürth/Krumbach: Ich bin natürlich froh, dass wir spielen können, andererseits nervt die Situation. Der erste Frust kam schon 2021 in der Vorbereitung auf, als wir nicht wie geplant im September, sondern erst Ende Oktober in die Saison gestartet sind. In dieser Zeit hätten wir vier bis sechs Spiele machen und so dem jetzt bestehenden und im Herbst schon vorhersehbaren Termindruck ausweichen können.

Jetzt fordert der Verband maximale Flexibilität, wenn es um das Nachholen ausgefallener Spiele geht, kommt den Mannschaffen und Vereinen aber selbst nicht entgegen. Die gesamte Organisation auf die Vereine abzuwälzen, das gehört sich nicht. Die Verbände machen es sich da leicht. Warum muss zum Beispiel in einer solchen Situation wie jetzt die Hinrunde am 3. April beendet sein?

Seit Januar sind sechs Spiele von uns oder dem Gegner wegen Corona abgesagt worden. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich am Telefon gehangen habe, um neue Termine abzustimmen, Hallenzeiten und Mannschaff zu organisieren. Wir hätten in sechs Tagen drei Spiele gehabt. Von der Belastung her ist das Champions League, wir sind aber Amateure. Auf der einen Seite bin ich froh, dass wir spielen, auf der anderen Seite bremst dich Corona dauernd aus. Ständig umplanen, ständig einen anderen Kader zu haben – das macht auch nur begrenzt Spaß.

Armin Matthießen, Abteilungsleiter Basketball TV Heppenheim: Die Stimmung ist noch angespannt. Gerade die Kinder wollen spielen, da sind wir schon erleichtert, wenn Spiele stattfinden. Die Kehrseite: Etliche Begegnungen fallen in das Frühjahr, wo viele schon andere Pläne haben, also die Terminfindung schwer ist. Frust über viele Verlegungen und Absagen ist vielleicht zu viel gesagt, aber die massive Mehrarbeit mit der Organisation ist schon schwierig. Teilweise gibt es jetzt Doppelansetzungen am Wochenende. Und die Schiedsrichter stehen auch nicht Schlange. Da die Runde bis Ende Mai verlängert wurde können theoretisch die ausgefallenen Spiele nachgeholt werden. Wer wie oft Spiele absagt, hängt vor allem mit dem Altersdurchschnitt der Mannschaffen zusammen: je älter, umso vorsichtiger.

Frank Ester, Sportmanager des Fußball-Gruppenligisten FC Fürth: Ich bin superfroh, dass wir trainieren und spielen können. Wir wollen auch weiterhin spielen. Aber jetzt kommt das große Aber: Es geht momentan nicht fair zu. Das, was wir in den vergangenen Wochen erleben mussten – und noch erleben werden – hat nichts mit Gleichheit zu tun, sich auf Wettkampfniveau zu messen. Wenn das Gesundheitsamt und nicht der Trainer entscheidet, wer aufgestellt wird, dann passt irgendetwas nicht. Wir haben 300 000 Infektionen am Tag, müssen vor jedem Training testen und wissen gar nicht, wer am Sonntag auf dem Platz steht. Auch wenn wichtige Spieler fehlen, wird angetreten. Das ist nahe an Wettbewerbsverzerrung. In unserem Spiel gegen Nauheim hat bei allen, die infiziert waren in den vergangenen Wochen, nach 30 Minuten die Lunge gebrannt. Wir mussten die Spieler bringen, obwohl wir es gar nicht wollten. Warum sind keine fünf Wechsel in der Gruppenliga erlaubt? Bei den Profis werden Herz und Lunge getestet, bevor sie wieder in den Trainingsalltag einsteigen; dazu hat ein Amateur keine Möglichkeit. Man muss verhindern, dass Spieler zu früh ranmüssen und dann irgendwelche Schäden davontragen.

Sicher, man kann die Saison durchspielen, aber man muss die Abstiegsregelung anpassen. Wo ist das Problem, nur drei Teams absteigen zu lassen und nächstes Jahr mit 19 zu spielen? Ich habe mich mit Kollegen unterhalten, die alle ähnlich ticken und überlegen, wie wir uns Luft machen können. Es soll ja nicht derjenige Spiele gewinnen, der am wenigsten mit Corona in Berührung kam. Was bringt’s, im Nachgang darüber zu sprechen, dass es ein unfairer Wettkampf war?

Ich bin nicht bereit, zu akzeptieren, wenn einer sagt: Das machen wir nicht, weil wir es immer so gemacht haben. Wir brauchen einen Plan B. Es hat ja nichts mehr mit Fußball zu tun, wenn es in der WhatsApp-Gruppe nur noch um Freitesten und Erkrankte geht. Klar, in unserer Situation kann man schnell sagen, dass wir nur den Abstieg verhindern wollen. Natürlich würde ich vielleicht weniger laut rufen, wenn wir Fünfter und nicht Fünftletzter wären. Aber ich würde auch in der Kreisoberliga Fußball spielen.

Torsten Stegmüller, Trainer des Frauenfußball-Kreisoberligisten FSV Erbach: Ich muss nahezu wöchentlich umplanen. 80 Prozent unserer Spielerinnen gehen noch zur Schule und werden drei- bis fünfmal pro Woche getestet. Aktuell haben wir vier Corona-Fälle zu beklagen und das zieht sich schon eine lange Zeit so durch. Bei den Corona-Fällen muss man beachten, dass zu den akut positiven ja auch immer noch die Ausfälle der zwar wieder genesenen, aber noch nicht wieder fitten Spielerinnen kommen. In der Regel fällt so jemand zwischen drei bis fünf Wochen aus. So können wir personell natürlich nur schwer planen und müssen nicht selten mit Spielerinnen aus der C-Jugend ausfüllen. 15-Jährige sind in unserem Damen-Kader keine Seltenheit. Sie sind eigentlich noch nicht spielberechtigt bei den Damen, wir haben dies in der Vergangenheit aber mit der Klassenleiterin und dem gegnerischen Trainer so abgestimmt, um spielfähig zu bleiben. Dennoch ist die Lust am Sport immer noch vorhanden, das merke ich in jeder Einheit. Die Mädels ziehen gut mit und wir versuchen eben, das Beste aus der Situation zu machen.

Christian Zölls, Trainer des Handball-Landesligisten MSG Roßdorf/Reinheim: Ich kann natürlich nicht für die komplette Mannschaft oder den kompletten Verein sprechen, sondern das ist mein individuelles Empfinden. Ich habe mich Anfang der Saison sehr gefreut, dass wir unseren Sport ausüben können. Im Winter mit den steigenden Zahlen hat sich das Bild etwas geändert. Durch die vielen Infektionen und Quarantäneanordnungen war kein geregelter Trainings- und Spielbetrieb möglich und der Koordinationsaufwand mit Spielverlegungen, wer kann/darf wie und wo trainieren war enorm. Weiterhin ist es sehr frustrierend, wenn aufgrund der Umstände kein fairer Wettbewerb möglich ist. Und leider muss man sagen, dass das handballerische Niveau durch die Corona-Zeit sehr gelitten hat. Also unterm Strich überwiegt doch der Frust.

Kristian Achenbach, Sprecher der Badminton-Abteilung des TV Dieburg/Groß-Zimmern: Auf die Frage nach Ärger oder Frust gibt es von mir aktuell ein klares Nein. Anfang Januar war die Stimmungslage noch eher in dieser Richtung. Und natürlich weiß ich auch, dass viele Staffelleiter frustriert sind über ständige Spielverlegungen wegen Corona und somit die Verantwortlichen eher froh sind, wenn die Saison vorbei ist. Was aber eher für die Bezirksebene gilt, mit unserer ersten Mannschaft in der Oberliga waren wir nicht betroffen und haben die Saison fast ohne Verlegungen gerade beendet. Aktuell ist die Freude einfach hoch, spielen zu können und zu dürfen. Die Trainingsbeteiligung ist derzeit auch sehr hoch. Eine Rolle spielt sicher auch, dass seit drei Wochen wegen des Krieges einige extrem dankbar sind für die Ablenkung, die der Sport ermöglicht.

Christopher Bohland, Trainer des Fußball-Kreisoberligisten Germania Eberstadt, der zuletzt Spiele wegen Corona-Fällen absagen musste: Wir sind mit großer Vorsicht auf den Platz zurückgekehrt. Wir haben zum Beispiel die Kabinen zugelassen, alle kamen schon in voller Montur ins Training. Und natürlich habe ich mit den betroffenen Spielern gesprochen. Schließlich habe ich eine Fürsorgepflicht. Ich habe den Jungs gesagt, gebt mir sofort Bescheid, wenn es nicht geht und brecht sofort ab. Trotz allem, bin ich froh, dass der Spielbetrieb läuft. Denn die Langzeitfolgen wären für den Fußball gravierender als die kurzfristige Auswirkung bedingt durch Spielabsagen.

Quelle: Starkenburger Echo, 23.03.2022